In einem undefinierten Raum und zeitlosen Zustand kreisen wir aus wechselnden Perspektiven um zwei gesichtslose Avatare. Wer – oder was – sind sie? Abbilder realer Menschen, intelligente Maschinen oder etwas dazwischen? Können Maschinen Sehnsüchte oder Träume entwickeln? Zwischen ihnen schwebt ein goldener Apfel, dessen spiegelnde Oberfläche den realen Raum erweitert. All ihre Anstrengungen kreisen um den goldenen Apfel – und doch bleibt er unerreichbar.
Ein real existierender Raum durchläuft ein „Was-wäre-wenn“ von unendlichen Möglichkeiten, ausgedacht von mir, visualisiert von einer künstlichen Intelligenz. Diese Arbeit wurde für die Veranstaltung „…FRESSEN IHN DIE RABEN“ im Stadttheater Neuburg a.d.Donau (16.06.2024) produziert. Begleitet wurde dieses Video mit einer Live-Performance des Stückes Nocturne von Lili Boulanger (für Flöte und Harfe).
Naturgewalten vermengen sich mit Landmarken der Zivilisation und zeichnen keine verklärten Sehnsuchtsorte. Im Rausch der Geschwindigkeit verflüchtigt sich der Augenblick, und kommt doch stets immer wieder – wie die Jahreszeiten.
Alle Videos sind als Loop angelegt – also ohne Anfang und Ende, und scheinbar endlos – wie die Wiederkehr der Jahreszeiten oder das gemeinsame Murmeln eines Rosenkranzes.
An das Landschaftsbild der Romantik des 19. Jahrhunderts anknüpfend zeigt dieser Videozyklus in 4 Teilen Landschaften des 21. Jahrhunderts, zwischen real und künstlich oszillierend.
Frühling, 3:21 min — Der Frühling dämmert, aber die Natur ist noch nicht erwacht – kahle Bäume ziehen vorüber. Hie und da ein Auto. Aus der Entfernung hallen Erinnerungen wider.
Herbst, 3:11 min — Regen prasselt auf ein Fenster und lässt die Landschaft dahinter seltsam lebendig erscheinen. Atmet sie? Tobt sie? Ein Vorbote für das nahe Sterben – im Winter!
Sommer, 4:24 min — Ein Sandsturm taucht die vorbeirauschende Landschaft in warmes Gelb. Schön und schrecklich. Schrecklich schön.
Winter, 10 min — „Heimat“ zieht vorbei. Wird sie wiederkommen? Das monotone Abrollgeräusch auf den alten Bahnschwellen macht schläfrig, und ein weißes Vergessen legt sich über die Gedanken.
„Wir alle tragen ein totes Kind in uns.“Christian Boldtanski zitiert Tadeusz Kantor
Wir bewegen uns in einem verlassenen Haus. Die Räume zeugen davon, dass hier einst Menschen gelebt haben. Realität und Fiktion, Gegenwart und Vergangenheit verschmelzen miteinander. Wie in einem Albtraum durcheilen wir die Zimmer und werden dabei immer wieder mit einem alten Klassenfoto konfrontiert. Auf der Rückseite des real existierenden Fotos steht: „Jahrgang 1911“. Wer waren diese Menschen? Erinnert sich noch jemand an sie? Ich leihe ihnen meine Augen und lasse sie post mortem wieder lebendig werden – eine künstliche Lebendigkeit.
Die Videoarbeit knüpft an eine heute weitgehend vergessene Tradition an: die Post-mortem-Fotografie. In dieser Praxis wurden kürzlich Verstorbene fotografisch festgehalten, entweder allein als Porträt oder gemeinsam mit Angehörigen, arrangiert, als wären sie noch am Leben. Diese Bilder dienten nicht nur dem Erinnern, sondern auch dem Versuch, den Moment des Verschwindens aufzuhalten.
Mitten unter diesen Kindern sitze ich als Bindeglied zwischen gestern und heute und denke laut über die Angst vor dem Verschwinden nach. Indem ich mich selbst in das historische Klassenfoto einschreibe, übertrage ich die Tradition der Post-mortem-Fotografie in eine zeitgenössische, digitale Bildsprache. Die Arbeit macht sichtbar, wie Bilder – damals wie heute – eingesetzt werden, um Vergänglichkeit zu überlisten: Sie konservieren Präsenz, erzeugen eine trügerische Lebendigkeit und verschieben den Moment des Abschieds in ein zeitloses Dazwischen.
2023, Video mit Ton, Animation, 5:36 min, und 15 Polaroids
Sandbox ist einerseits das englische Wort für Sandkasten, andererseits ein aus der Softwareentwicklung stammender Begriff für einen „isolierten Bereich, innerhalb dessen jede Maßnahme keine Auswirkung auf die äußere Umgebung hat.“ (Wikipedia)
Wir sitzen in einem großen virtuellen Sandkasten, der alles andere als isoliert ist. Darin sind viele Spielzeuge, von denen wir nicht wissen, wozu sie zu gebrauchen sind. Und täglich kommen neue hinzu. Wir erforschen sie spielerisch und dabei kommen wir auf so manchen Gedanken – gut oder böse..
Ein solches Spielzeug ist Dall-e 2. Sie ist eine der meist gefeierten KIs des Jahres 2022, die aus einer textbasierten Beschreibung in natürlicher Sprache realistische Bilder und sogar Kunstwerke erstellen kann. Dieser kreative Akt ist neu und einzigartig, und muß als nächste Evolutionsstufe bewertet werden.
Die Werke, die Dall-e erzeugt, sind nahezu perfekt, und doch generiert sie auf scheinbar harmlose Stichworte merkwürdig verstörende Outputs. Es drängt sich die Frage auf, ob dies das Spielzeug ist, das wir unseren Kindern geben würden?
Conditio Humana II, 2022, Video mit Sound, 4:48 min
In Anlehnung an das Werk Conditio Humana I wird hier die Frage fortgeführt, welches die conditio humana sei. Betrachtet man die höchste Kunstform der menschlichen Bewegung – den Tanz – so ist dieser eine Kombination aus absoluter Körperbeherrschung, Eleganz und Emotionalität. Dem gegenübergestellt wird hier ein „Tanz“ des humanoiden Roboters HRP-4C, wie er 2010 der Weltöffentlichkeit präsentiert wurde.
Seit jeher träumt der Mensch davon, künstliches Leben zu erschaffen. Der aus dem Spätmittelalter stammende Homunkulus – das „Menschlein“ – steht sinnbildlich für diesen Wunsch und zugleich für die Ambivalenz technologischen Fortschritts, der in Literatur und Mythos selten ein gutes Ende nahm. Lange galt Kreativität, Moral und das Verstehen von Zusammenhängen als ausschließlich menschliche Fähigkeiten, begründet in der einzigartigen Komplexität des Gehirns.
Mit den jüngsten Entwicklungen der künstlichen Intelligenz, insbesondere im Deep Learning, gerät dieses Selbstbild ins Wanken. Seit 2020 zeigen täuschend echte, KI-generierte Porträts, wie Maschinen eigenständig menschliche Gesichter erschaffen können – Gesichter von Menschen, die nie existiert haben. Der moderne Homunkulus entsteht heute nicht mehr im Labor, sondern im Code: ein Produkt aus Daten, Algorithmen und neuronalen Netzen, das zugleich fasziniert, verunsichert und die Frage aufwirft, was der nächste Schritt dieser künstlichen Schöpfung sein wird.
„Homunculus“ ist eine Studie zur menschlichen Mimik anhand KI-generierter Porträts aus dem Jahr 2022. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Technologie noch in den Kinderschuhen. Die Arbeit vereint künstlerische Erkundung und technologische Beobachtung und fungiert zugleich als frühes Zeugnis der KI-Bildgeneratoren-Ära.
„Menschen machen Fotos gegenseitig Zu beweisen, dass sie wirklich existierten Auf Nummer sicher zu gehen, dass sie da sind Menschen machen Fotos gegenseitig In dem Glauben, dass jene Momente Für alle Zeiten lebendig blieben.“
Auszug aus: Menschen Machen Fotos gegenseitig, Die goldenen Zitronen