Bereichert KI die Kreativität oder bedroht sie diese?

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Interview von Elena Winter

Viele Menschen (gerade solche, die schöpferisch tätig sind) sind derzeit besorgt angesichts der rasanten Entwicklung von KI. Sie hingegen arbeiten ganz bewusst damit. Warum? Und inwiefern sehen Sie sich als Künstlerin durch KI womöglich nochmal stärker herausgefordert?

Die Sorge ist absolut berechtigt. Wir stehen vor grundlegenden, weitgehend ungeklärten Fragen: Wer ist Urheber? Wer trägt Verantwortung? Wie verhindern wir Missbrauch? Es fehlt an klaren Leitplanken – und genau das macht die Situation so brisant. KI greift tief in künstlerische, moralische und politische Strukturen ein. Gleichzeitig erleben wir ein globales Wettrennen um technologische Vorherrschaft, während die europäische Politik oft eher reagiert als gestaltet. In vielen Bereichen verstehen wir die Konsequenzen unseres eigenen Handelns noch nicht vollständig.

Gerade deshalb halte ich es für entscheidend, sich aktiv mit KI auseinanderzusetzen. Sie ist kein vorübergehender Hype, sondern eine strukturelle Zäsur. Wer sich ihr entzieht, überlässt anderen die Deutungshoheit – und damit auch die Gestaltung unserer Zukunft. Ich arbeite bewusst mit KI, um ihre Mechanismen zu verstehen, ihre Möglichkeiten auszuloten und ihre Grenzen sichtbar zu machen. Es geht mir um einen selbstbestimmten Umgang, nicht um blinde Anpassung.

Dieses Wissen gebe ich auch in meinen Workshops weiter. Vor allem im Bereich der KI-Bildgeneratoren hält sich hartnäckig die Vorstellung, man müsse nur einen Knopf drücken und erhalte automatisch relevante Kunst. Das ist schlicht falsch. Gute Ergebnisse entstehen durch präzises Prompting, Erfahrung, iterative Prozesse und bewusste künstlerische Entscheidungen. Das verlangt ein gewisses technisches Verständnis – und genau darin liegt für viele die eigentliche Herausforderung.

Wir leben in einer Welt, die immer stärker von Technologie geprägt ist. Wo Wissen fehlt, entsteht schnell Mystifizierung. Deshalb wird ein grundlegendes technologisches Verständnis künftig eine zentrale Kulturtechnik sein – nicht als Ersatz, aber durchaus auf Augenhöhe mit klassischen Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen.

Viele Ideen entstehen durch glückliche Umwege, Zufallsbegegnungen etc. KI dagegen schöpft aus der Blackbox des Algorithmus. Wie passt das für Sie zusammen? Würden Sie KI schöpferisches Potenzial unterstellen?

Ich halte die Vorstellung, KI sei kreativ, für eine Projektion. KI ist kein denkendes oder wollendes Wesen – sie ist eine Maschine. Was dabei entsteht, basiert auf Statistik, nicht auf schöpferischer Intention.

Die eigentlichen Bildideen kommen weiterhin vom Menschen. Neu ist lediglich die Übersetzungsleistung: Wir müssen unsere Vorstellungen so präzise in Sprache fassen, dass die Maschine sie verarbeiten kann. KI ist in diesem Sinne kein Gegenüber, sondern ein Werkzeug – wenn auch ein sehr komplexes.

Interessant wird es dort, wo dieses Werkzeug nicht so funktioniert, wie wir es erwarten. Missverständnisse im Prompt, überraschende Ergebnisse – genau diese Brüche erzeugen die Momente, die man gerne als „Zufall“ oder „glückliche Umwege“ beschreibt. Aber auch das ist kein kreativer Akt der Maschine, sondern ein Effekt ihrer Funktionsweise.

Wir neigen dazu KI menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Das verstellt den Blick auf das Entscheidende: Kreativität entsteht nicht im Algorithmus, sondern in der Auswahl, Bewertung und Kontextualisierung durch den Menschen. Wer KI Kreativität zuschreibt, macht es sich zu einfach – und unterschätzt gleichzeitig die eigene Verantwortung im künstlerischen Prozess.

Gibt es auch Momente in ihrer schöpferischen Tätigkeit, bei denen Sie KI als einengend, verzerrend, manipulativ o. ä. empfinden? Welche sind das zum Beispiel?

KI ist nicht neutral. Ihre Ergebnisse sind immer geprägt von den Daten, mit denen sie trainiert wurde – und von den Perspektiven derer, die sie entwickeln.

Das habe ich sehr konkret in meiner eigenen Arbeit erlebt. Für meine Videoarbeit „Homunculus“ aus dem Jahr 2022 habe ich KI-generierte Porträts einer Webseite verwendet, die bei jedem neuen Laden ein zufälliges Gesicht generiert hat, ohne dass man selbst Einfluss darauf nehmen konnte. Mein Ziel war es Diversität abzubilden: in Geschlecht, Alter und kultureller Herkunft. Stattdessen bekam ich immer wieder sehr ähnliche Gesichter: auffallend oft weiblich, mittleren Alters, hellhäutig. Irgendwann habe ich begonnen, Strichlisten zu führen – und der Eindruck hat sich bestätigt. Das ist kein Zufall, sondern ein strukturelles Problem.

In solchen Momenten ist KI nicht nur einengend, sondern verzerrt aktiv die Realität, die sie vorgibt abzubilden.

Hinzu kommt eine ästhetische Tendenz zur Vereinheitlichung. Viele KI-Bilder bewegen sich im visuellen Durchschnitt – sie sind technisch beeindruckend, aber oft auch erstaunlich glatt und austauschbar. Gegen diese Gleichförmigkeit muss man als Künstlerin bewusst anarbeiten.

Manipulativ wird es vor allem dort, wo diese Bilder in Umlauf gebracht werden. Deepfakes sind längst kein Randphänomen mehr, sondern ein machtvolles Instrument – für Desinformation, politische Inszenierung und gezielte Täuschung. Neu ist weniger die Manipulation selbst als ihre Qualität: Bilder und Videos sind heute so überzeugend, dass das Vertrauen in visuelle Medien insgesamt erodiert.

Gleichzeitig entstehen bereits Gegenmittel. Es gibt erste Werkzeuge, die Deepfakes erkennen können. Die entscheidende Frage wird sein, ob wir schneller darin werden, Täuschung aufzudecken, als neue Formen der Täuschung entstehen.

Inwiefern, meinen Sie, wird sich unser Verständnis von Kreativität infolge von KI in Zukunft ändern?

Künstliche Intelligenz verändert die Kunst grundlegend – weniger als Stil, sondern als Werkzeug und Denkraum. Sie senkt technische Hürden und ermöglicht es mehr Menschen, visuell zu arbeiten und Ideen umzusetzen. Gleichzeitig verschärft sie Fragen nach Autorschaft, Originalität und künstlerischer Verantwortung.

Viele überschätzen jedoch KI, weil sie die physische und erfahrungsbasierte Dimension menschlicher Kreativität unterschätzen. KI kann beschleunigen, kombinieren und imitieren – aber sie bleibt funktional beschränkt. Sie verfügt nicht über die Vielfalt menschlicher Intelligenz: keine Körperlichkeit, keine emotionale oder soziale Intuition, keine Fantasie oder Motivation. Ringen mit Materialien, sensorische Erfahrung oder die körperliche Umsetzung einer Idee – all das kann eine Maschine weder heute noch morgen vollständig leisten.

Kreativität entsteht im Zusammenspiel von Erfahrung, Intuition, Entscheidung und Reflexion – und in der physischen Dimension des Handelns, im Arbeiten mit Material und Körper. Sie liegt nicht im System, sondern im Umgang mit dem System.

Gleichzeitig eröffnet KI neue Räume. Sie kann Impulse geben, Denkprozesse verschieben und helfen, Ideen in Richtungen weiterzuentwickeln, die man allein vielleicht nicht eingeschlagen hätte. Richtig eingesetzt erweitert sie den kreativen Handlungsspielraum, statt ihn zu ersetzen.

Die entscheidende Verschiebung liegt deshalb weniger darin, dass Maschinen kreativ werden – sondern darin, dass der Mensch seine eigene Rolle neu definieren muss: als auswählende, bewertende und verantwortliche Instanz. Wer das bewusst gestaltet, gewinnt an Freiheit. Wer es delegiert, verliert sie.

Dieses Interview entstand in Vorbereitung zum Artikel „Bereicherung oder Bedrohung? So verändern KI-Modelle die Kunst“ für den Tagesspiegel. Hier geht es zum Artikel, veröffentlicht am 19. Mai 2026