Gebetszyklus

Frühling – Sommer – Herbst – Winter

An das Landschaftsbild der Romantik des 19.Jahrhunderts anknüpfend zeigt dieser Videozyklus in 4 Teilen Landschaft als Spiegelbild eines inneren Zustands. Wahrnehmung als Seismograf der eigenen Stimmung – sehr persönlich, fehlerhaft, und immer zwischen Realität und Fiktion, zwischen Beobachtung und Gedanken oszillierend.

Naturgewalten vermengen sich mit Landmarken der Zivilisation und zeichnen keine verklärten Sehnsuchtsorte. Im Rausch der Geschwindigkeit verflüchtigt sich der Augenblick, und kommt doch stets immer wieder – wie die Jahreszeiten.

Alle Videos sind als Loop angelegt – also ohne Anfang und Ende, und scheinbar endlos – wie das gemeinsame Murmeln eines Rosenkranzes oder eines Vater-Unsers.

Frühling

Der Frühling als Sinnbild der Lebenslust, wie ihn die Romantiker sahen? Inspiriert von T.S. Eliots Gedicht „The Waste Land“ entsteht hier ein anderer Eindruck:

April ist der grausamste Monat, treibt
Flieder aus toter Erde, mischt
Erinnern und Begehren, schreckt
Dumpfe Wurzeln mit Frühlingsregen.

Winter hielt uns warm, bedeckt‘
Die Erde mit Schnee des Vergessens, füttert‘
Ein bisschen Leben mit trockenen Knollen. (…)

(aus: T.S.Eliot, The Waste Land – I. The Burial of the Dead.“)

Sommer

Ein Sandsturm taucht die vorbeirauschende Landschaft in warmes Gelb. Schön oder schrecklich? Schrecklich schön?

Sind das die Vorboten einer Apokalypse, die wir selbst verursacht haben?

Oder wundersames Naturschauspiel?

Sind wir auf der Flucht? Wenn ja, wohin?

Oder flieht das Land? Vor uns?

Mir fällt dazu Vilém Flusser (tschechisch-brasilianischer Medienphilosoph und Kommunikationswissenschaftler) ein, der einmal feststellte, dass „Verwurzelung“ und „Heimat“ „Erfindungen“ unserer Zeit sind – auch die Romantiker waren davon beflügelt – , wo doch der Mensch im Lauf seiner Entwicklungsgeschichte die meiste Zeit ein Nomade war…

Herbst

Regen prasselt auf ein Fenster und läßt die Landschaft dahinter seltsam lebendig erscheinen.
Atmet sie?

Tobt sie, begleitet von Blitz und Donner?

Ein Vorbote für das nahe Sterben – im Winter!

Winter

Wieder rauscht Landschaft vorbei (ich muss an Schuberts „Winterreise“ denken). Dieses Mal ist es die „Heimat“, die verreist. Vielleicht kommt sie nicht wieder?

Das monotone Abrollgeräusch auf den alten Bahnschwellen klingt wie ein Echo aus der Vergangenheit.