Ansichtssache – Eröffnungsrede

Auszug aus der Eröffnungsrede von Helm Zirkelbach anlässlich der Ausstellung „Ansichtssache“ in Münsingen:

Mit den 365 Kunstkarten auf schwarzen Holztafeln von Eri Kassnel kommt auf einen Schlag eine dritte wiederum ganz andere Handschrift ins Kunstspiel der Karten und unschwer erkennen wir viele Religiöse Motive, Heiligenbilder und Darstellungen der Mutter Gottes und dem Jesuskind.
Diese beginnt die Künstlerin zu verweben mit Fotografien aus ihrer eigenen
Vergangenheit, somit verbindet sie auf faszinierende Art, lebende, ihr selbst
bekannte Menschen, wie ihre eigene Mutter und verwebt sie mit der
Muttergottes, stellt sie ins Zentrum, oder stülpt der Heiligendarstellung einen anderen größeren Kopf auf, das irritiert und lässt mich erstaunen, mit was für einer Leichtigkeit dies zu gelingen scheint.

Der gute Katholik glaubt an einen Gott der Person ist, dies ist aber nicht zu
beweisen und man muss daran glauben, um es dann als Wirklichkeit
anzuerkennen. Die Seele ist dann das Symbol, das die Einheit des menschlichen und göttlichen Personseins umschreibt. Eri Kassnels Darstellungen dieser Mutter-Sohn-Bindung zeigen für mich diese
Gratwanderung auf, indem sie Personen aus ihrem Umfeld z.B. in eine mit Gold besetzte Monstranz schemenhaft einfügt und sie somit zur Anbetung und Verehrung frei gibt.

Oder die große schwarz gerahmte Collage hier drüben an der Wand, auf weiß getünchter Zeitungsvorlage erscheint die Schwarz-Weiß Aufnahme einer Frau, vielleicht mit ihren zwei Töchtern? Sie tragen alle drei Kleider aus ein und demselben Stoff, in der Mitte ist eine Postkarte einer Monstranz mit Heiligenfiguren, darüber steht handschriftlich Dreifaltigkeit. Bezieht sich nun die Dreifaltigkeit auf die Kleidung der Frauen oder aber auf die Anordnung und Göttlichkeit der Personen, das bleibt uns Betrachtern überlassen.

Manchmal ist mitten im Sommer Herbst, manchmal mitten im Tag etwas
nächtliches, wie die negativ Aufnahme eines alten Baumes, ich bin fasziniert und ich fühle mich starr, wie ohne Gelenke, wie ohne Glieder.
Das Kind, der Säugling Jesus wird ausgewechselt mit vielleicht dem Bruder oder sonst wem und es wird dadurch für uns alle begreifbar das das Kleinkind nur im Vertrauensvorschuss auf seine Mutter sich entwickeln kann, nur im Vertrauen auf eine andere Person, kann das eigene Person-sein sich fruchtbar entwickeln.

Auch zeigt uns die Künstlerin das dies nicht immer gelingen kann, indem sie roboterhafte Dämonen auftauchen lässt, die Mutter komplett einschwärzt und verschleiert, indem sie eine Vielzahl von Störungen in die Beziehung einbaut und wir erahnen, das wir selbst eine enorme Anzahl von Störungen in uns tragen.

Dies scheint für mich die zentrale Aussage der aufreibenden und durchaus
verstörenden Ikonenhaften Bildchen der Eri Kassnel zu sein. Aber, schauen sie selbst, und finden sie es selber heraus wohin diese ungewöhnliche Reise geht.

v.l.n.r: Helm Zirkelbach, Erika Kassnel-Henneberg, Marlies Achermann-Gisinger und Antje Fischer

ArticulAction Art Review

Ein Interview von Dario Rutigliano und Barbara Scott in ARTiculAction, veröffentlicht im Sommer 2016 .

„Since its foundation, ARTiculAction has worked with more than 600 painters, cinematographers and performers, giving to talented and ambitious artist the chance to branch out and get ahead, showing their works off the world through many publications, since it’s becoming more and more important for artists to take the promotion of their image and their art upon themselves. After two successful biennial editions with the participation of hundreds of visual artists, performers and curators from all over the world, we are celebrating our twelve years long activity launching the 2020 biennial edition, that will once again explore new tendencies and trends in Contemporary Art.“

http://articulaction.yolasite.com/

Videogud in Gävleborg

28.04. – 18.05.2016

Übersetzung:

Mit der Arbeit „Home is Somewhere Else“ untersucht Eri Kassnel die schmerzhafte Erfahrung, vom Kontext und den Beziehungen, in denen wir uns erkennen können, getrennt zu sein: die Sehnsucht nach einer verlorenen Existenz und die Sehnsucht wieder eine Heimat zu finden. Durch das Momentarchiv des Fotoalbums können wir in Erinnerungen eintauchen und hoffen, dass die geordnete Abfolge von Bildern uns aufrichtige Antworten geben kann, die den Emotionen und sensorischen Eindrücken entsprechen, die wir noch einmal erleben möchten.

Aber die Fotografien in Kassnels Werk lassen niemals einen Weg zurück erkennen. Bis zu einem gewissen Grad tragen sie eine tatsächliche Patina und sind mit einem affektiven Wert verbunden. In noch größerem Maße werden sie jedoch manipuliert, um an etwas Vertrautes, aber Fremdes oder Falsches zu erinnern, indem sie stattdessen zufällig aus einem fahrenden Auto entnommen werden. Die Bewegung weist möglicherweise in eine Richtung weg von den unbewussten Idealisierungen der Nostalgie, und der Titel der Arbeit öffnet sich für eine weitere Suche. Vielleicht ist Heimat kein Ort, sondern ein sozialer Prozess, an dem wir die Möglichkeit bekommen, andere kennenzulernen? Vielleicht können wir woanders eine Heimat finden?

Eri Kassnel (* 1973 in Timisoara, Rumänien) ist Absolventin der Kunstuniversität in Bern und in Diedorf tätig. Mit ihren Installationen, Collagen, Fotografien und Porträts in bewegten Bildern kehrt sie oft zu der Bedeutung der Erinnerung für die Konstruktion ihres eigenen Selbst zurück und wie die Vorstellungen von Herkunft und Heimat von einem Leben im Exil beeinflusst werden.

Kunstpreis der Stadt Krumbach

„Heimat ist anderswo, 2012″ ist ein Buchobjekt und Teil einer geplanten mehrteiligen Reihe: bisher sind davon zwei Alben fertiggestellt, ein weiteres ist im Entstehen. Die Künstlerin selbst erweitert die Titelaussage zu einem Bedingungssatz: „Heimat, hat man sie einmal verloren, ist immer anderswo“. Was im ersten Moment tautologisch klingt, löst Fragen aus: Kann man Heimat wiederfinden? Kann man sie nur in der Vergangenheit haben oder ist Heimat am Ende eher eine Utopie oder ein Trauma? Diese allgemeinen Fragen erfasst und verarbeitet Erika Kassnel-Henneberg in einer sehr persönlichen, ruhigen Weise, die den Betrachter jedoch nicht ausschließt, sondern ihn durch sinnliche Präsenz anlockt: Alte Fotoalben werden aufwendig restauriert, mit golden eingerahmten, an Ikonenmalerei erinnernden Bildfenstern versehen und dann mit persönlichem Material bestückt: Die Fotos sind zum kleineren Teil historische Relikte, zum größeren aber eigene Aufnahmen der Künstlerin, die meisten davon Schnappschüsse aus dem fahrenden Auto heraus; damit wird schon formal das Reisen, das Suchen, das Nicht-Zu-Hause-Sein angesprochen. Gleichzeitig spiegeln die neuen und mit einer digitalen Patina belegten Bilder die Schwierigkeiten der Suche nach Heimat: sie sind Sehnsuchtsbild und Fake zugleich, immer wieder versuchte Aneignung der Vergangenheit und Suche nach der eigenen Position in der Gegenwart. Das Werk ist kein spektakulärer ,,Hingucker“ – es ist eine „leise“ konsequent durchgeformte Arbeit, die umso mehr Seiten entfaltet, und umso mehr Saiten zum Klingen bringt, je mehr man sich Zeit mit ihr lässt.

Aus der Laudatio zum Kunstpreis der Stadt Krumbach, am 12.3.2013