Kunstpreis der Stadt Krumbach

Aus der Laudatio zum Kunstpreis der Stadt Krumbach, am 12.3.2013

,,Heimat ist anderswo, 2012″ ist ein Buchobjekt und Teil einer geplanten mehrteiligen Reihe: bisher sind davon zwei Alben fertiggestellt, ein weiteres ist im Entstehen. Die Künstlerin selbst erweitert die Titelaussage zu einem Bedingungssatz: „Heimat, hat man sie einmal verloren, ist immer anderswo“. Was im ersten Moment tautologisch klingt, löst Fragen aus: Kann man Heimat wiederfinden? Kann man sie nur in der Vergangenheit haben oder ist Heimat am Ende eher eine Utopie oder ein Trauma? Diese allgemeinen Fragen erfasst und verarbeitet Erika Kassnel-Henneberg in einer sehr persönlichen, ruhigen Weise, die den Betrachter jedoch nicht ausschließt, sondern ihn durch sinnliche Präsenz anlockt: Alte Fotoalben werden aufwendig restauriert, mit golden eingerahmten, an Ikonenmalerei erinnernden Bildfenstern versehen und dann mit persönlichem Material bestückt: Die Fotos sind zum kleineren Teil historische Relikte, zum größeren aber eigene Aufnahmen der Künstlerin, die meisten davon Schnappschüsse aus dem fahrenden Auto heraus; damit wird schon formal das Reisen, das Suchen, das Nicht-Zu-Hause-Sein angesprochen. Gleichzeitig spiegeln die neuen und mit einer digitalen Patina belegten Bilder die Schwierigkeiten der Suche nach Heimat: sie sind Sehnsuchtsbild und Fake zugleich, immer wieder versuchte Aneignung der Vergangenheit und Suche nach der eigenen Position in der Gegenwart. Das Werk ist kein spektakulärer ,,Hingucker“ – es ist eine „leise“ konsequent durchgeformte Arbeit, die umso mehr Seiten entfaltet, und umso mehr Saiten zum Klingen bringt, je mehr man sich Zeit mit ihr lässt.

Videogud in Gävleborg

28.04. – 18.05.2016

Übersetzung:

Mit der Arbeit „Home is Somewhere Else“ untersucht Eri Kassnel die schmerzhafte Erfahrung, vom Kontext und den Beziehungen, in denen wir uns erkennen können, getrennt zu sein: die Sehnsucht nach einer verlorenen Existenz und die Sehnsucht wieder eine Heimat zu finden. Durch das Momentarchiv des Fotoalbums können wir in Erinnerungen eintauchen und hoffen, dass die geordnete Abfolge von Bildern uns aufrichtige Antworten geben kann, die den Emotionen und sensorischen Eindrücken entsprechen, die wir noch einmal erleben möchten.

Aber die Fotografien in Kassnels Werk lassen niemals einen Weg zurück erkennen. Bis zu einem gewissen Grad tragen sie eine tatsächliche Patina und sind mit einem affektiven Wert verbunden. In noch größerem Maße werden sie jedoch manipuliert, um an etwas Vertrautes, aber Fremdes oder Falsches zu erinnern, indem sie stattdessen zufällig aus einem fahrenden Auto entnommen werden. Die Bewegung weist möglicherweise in eine Richtung weg von den unbewussten Idealisierungen der Nostalgie, und der Titel der Arbeit öffnet sich für eine weitere Suche. Vielleicht ist Heimat kein Ort, sondern ein sozialer Prozess, an dem wir die Möglichkeit bekommen, andere kennenzulernen? Vielleicht können wir woanders eine Heimat finden?

Eri Kassnel (* 1973 in Timisoara, Rumänien) ist Absolventin der Kunstuniversität in Bern und in Diedorf tätig. Mit ihren Installationen, Collagen, Fotografien und Porträts in bewegten Bildern kehrt sie oft zu der Bedeutung der Erinnerung für die Konstruktion ihres eigenen Selbst zurück und wie die Vorstellungen von Herkunft und Heimat von einem Leben im Exil beeinflusst werden.