Ein Zimmer für sich allein

Ausstellung der GEDOK in der Stadtgalerie Sonthofen

StartAusstellungEin Zimmer für sich allein

8.02. bis 7.04.2024

Vernissage 7.02.2024, 18.30 Uhr

Stadthausgalerie, Marktstr. 12, 87527 Sonthofen

In der Stadthausgalerie Sonthofen treffen zehn künstlerische Positionen der GEDOK aufeinander in der Ausstellung EIN ZIMMER FÜR SICH ALLEIN. Erika Kassnel-Henneberg zeigt eine Auswahl ihrer Videoarbeiten, die Erinnerung, Verlust und Identität untersuchen. Die Werke sprechen leise, aber eindringlich. Sie laden dazu ein, das eigene Verhältnis zu Bildern, Archiven und persönlicher Geschichte zu prüfen.

Wie lässt sich mein Zimmer beschreiben?

Wenn ein Mensch für immer geht, lässt er viele Dinge zurück. Was passiert mit diesen? Werden sie aufgehoben? Verschenkt? Verkauft? Weggeschmissen? Und was ist mit solchen, die man nicht einfach entsorgen kann, wie zum Beispiel ein Zimmer – sein oder ihr Zimmer. In der Wohnung meiner Kindheit hatten wir auch so ein Zimmer. Ein Schrein der Erinnerungen.

Die räumliche Dimension des Erinnerns

Diese Zimmer hier beschreiben die räumliche Dimension des Erinnerns: alte Fotografien werden zum Leben erweckt – Deep Paula und Post Mortem – eine künstliche, unheimliche Lebendigkeit. Wären Sie bereit ein Foto einer geliebten verstorbenen Person zum Leben zu erwecken – mit Hilfe künstlicher Intelligenz?

Welche Bedeutung hat ein altes Fotoalbum Unter der Oberfläche, wenn es niemanden mehr gibt, der die Geschichten dieser Menschen zu erzählen weiß? Kann unsere Fantasie sie retten?

Gedok Positionen Ausstellung Videos

Briefe als metaphorische Brücken

Und dann sind da noch unzählige Briefe aus Utopia. Wer schreibt heute noch Briefe? Hier sind sie metaphorische Brücken zu einem Sehnsuchtsort, der nur noch in der Erinnerung existiert – ein ganz persönliches Utopia. Die Wissenschaft hat uns gelehrt, dass Erinnerung fehlerhaft ist. Wir legen Spuren, sammeln Dokumente und Fotografien, und archivieren diese. Ich sehe darin einen existenziellen Zweifel: Wer bin ich, wenn ich dem Gedächtnis nicht trauen kann? Wenn ich keine Spuren hinterlasse, habe ich dann jemals existiert?“ aus meiner Zimmer-Beschreibung.

Gedok Positionen Ausstellung Videos

Über die Ausstellung

„In der Ausstellung „Ein Zimmer für sich allein“ zeigen zehn Künstlerinnen Arbeiten, die sich im weitesten Sinn mit den Gedanken von Virginia Woolf zum Thema Feminismus und Geschlechterdifferenzierung auseinandersetzen. Der Titel bezieht sich auf das 1929 erschiene Essay Woolfs, das seit 1978 als deutsche Übersetzung vorliegt. Nach wie vor aktuell sind die darin vorkommenden Themen wie Autonomie, Selbstentfaltung und kreative Freiheit durch verschiedene künstlerische Disziplinen. Ein Raum, sei er physisch oder metaphorisch, fungiert als Heimat der innersten Gedanken und Träume. Er bietet den nötigen Freiraum, um den inneren Monolog zu entfalten, Ideen zu spinnen und sie mit kreativen Impulsen zu verbinden. Die teilnehmenden Künstlerinnen sind Mitglieder der GEDOKmünchen, einer interdisziplinären Künstlerinnenvereinigung, die seit 1926 überregional aktiv ist.“

Künstlerinnen: Silke Bachmann, Renate Gehrcke, Erika Kassnel-Henneberg, Katharina Lehmann, Ina Loitzl, Herta Miessner, Christiane Pott, Martina Salzberg, Julia Smirnova, Olga Wiedenhöft

Kuratiert von Uta Römer

Musik: Anna Heller

Briefe aus Utopia

https://www.stadthausgalerie.de/ausstellungen-veranstaltungen/ausstellung-ein-zimmer-fuer-sich-allein-der-gedokmuenchen/

https://gedok-muc.de

Erinnerung braucht Raum

Wenn ein Mensch geht, bleiben Dinge zurück. Möbel, Fotos, Briefe. Manche Gegenstände lassen sich weitergeben. Andere tragen eine Last, die man nicht einfach entsorgt. Ein Zimmer gehört dazu. Es bewahrt Spuren eines Lebens. In vielen Wohnungen existiert ein solcher Raum. Er funktioniert wie ein Schrein der Erinnerungen.

Die Ausstellung greift genau diesen Gedanken auf. Das Zimmer steht hier für die räumliche Dimension des Erinnerns. Es speichert Geschichten, auch wenn niemand sie mehr erzählt. Der Raum wird zum Träger von Identität. Er hält fest, was zu verschwinden droht.


Videos zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Die Videoarbeiten von Erika Kassnel-Henneberg beleuchten diesen Schwebezustand. Alte Fotografien beginnen zu leben. In den Arbeiten Deep Paula und Post Mortem entsteht eine künstliche, fast unheimliche Lebendigkeit. Die Künstlerin nutzt digitale Verfahren, um starre Bilder zu animieren. Das Ergebnis wirkt vertraut und fremd zugleich.

Die zentrale Frage bleibt unbequem: Würden wir ein Foto einer geliebten verstorbenen Person zum Leben erwecken? Die Technik macht es möglich. Die Kunst zwingt zur Entscheidung. Kassnel-Henneberg zeigt keine Lösung. Sie öffnet einen Denkraum.


Künstliche Intelligenz und emotionale Nähe

Künstliche Intelligenz verspricht Nähe. Sie rekonstruiert Gesichter, simuliert Mimik und Bewegung. Doch Nähe ersetzt kein gelebtes Miteinander. Die Videos legen diese Spannung offen. Sie zeigen, wie leicht Technologie Erinnerung verfremdet.

Gleichzeitig entsteht eine neue Form von Intimität. Das animierte Bild fordert den Blick heraus. Es verlangt Stellungnahme. Das Publikum steht nicht außerhalb, sondern mittendrin.


Fotoalben als fragile Archive

Was bedeutet ein altes Fotoalbum, wenn niemand die Geschichten kennt? In der Arbeit Unter der Oberfläche rückt genau diese Frage in den Fokus. Bilder verlieren ihren Kontext. Sie bleiben als Hüllen zurück.

Kann Fantasie diese Leerstelle füllen? Oder erfinden wir damit neue Biografien? Kassnel-Henneberg betrachtet das Album als Archiv ohne Erzähler. Die Arbeit zeigt, wie Erinnerung zerfällt, wenn sie nicht geteilt wird.


Briefe aus Utopia: Sehnsucht und Verlust

Ein weiteres Motiv zieht sich durch die Ausstellung: Briefe. Briefe aus Utopia wirken wie Botschaften aus einer anderen Zeit. Heute schreibt kaum jemand noch Briefe. Hier fungieren sie als metaphorische Brücken zu einem Sehnsuchtsort, der nur noch in der Erinnerung existiert.

Utopia steht für das Persönliche. Für einen Ort, den es nur im Inneren gibt. Die Briefe verbinden Vergangenheit und Gegenwart. Sie schaffen Nähe, obwohl Absender und Empfänger längst verschwunden sind.


Zweifel am eigenen Gedächtnis

Die Wissenschaft beschreibt Erinnerung als fehlerhaft. Wir vergessen. Wir verändern. Wir rekonstruieren. Deshalb sammeln wir Spuren. Wir archivieren Dokumente, Fotografien und Texte.

In diesen Handlungen steckt ein existenzieller Zweifel. Wer bin ich, wenn ich meinem Gedächtnis nicht trauen kann? Habe ich existiert, wenn ich keine Spuren hinterlasse? Die Ausstellung stellt diese Fragen ohne Pathos. Sie überlässt die Antworten dem Publikum.


GEDOK-Positionen im Dialog

Zehn Künstlerinnen der GEDOK München sind in dieser Ausstellung vertreten. Ihre Arbeiten setzen sich im weitesten Sinn mit Gedanken von Virginia Woolf auseinander. Der Titel verweist auf ihr Essay A Room of One’s Own (Ein Zimmer für sich allein).

Autonomie, Selbstentfaltung und kreative Freiheit stehen im Zentrum. Diese Themen wirken bis heute. Die Ausstellung übersetzt sie in zeitgenössische künstlerische Sprachen.


Der Raum als Voraussetzung für Kreativität

Ein Raum kann physisch oder metaphorisch sein. Er bietet Schutz, ermöglicht Konzentration und lässt Gedanken wachsen. In der Ausstellung fungiert der Raum als Heimat innerer Monologe und Träume. https://gedok-muc.de/