Post Mortem

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„Wir alle tragen ein totes Kind in uns.“ Christian Boldtanski zitiert Tadeusz Kantor

Wir bewegen uns in einem verlassenen Haus. Die Räume zeugen davon, dass hier einst Menschen gelebt haben. Realität und Fiktion, Gegenwart und Vergangenheit verschmelzen miteinander. Wie in einem Albtraum durcheilen wir die Zimmer und werden dabei immer wieder mit einem alten Klassenfoto konfrontiert. Auf der Rückseite des real existierenden Fotos steht: „Jahrgang 1911“. Wer waren diese Menschen? Erinnert sich noch jemand an sie? Ich leihe ihnen meine Augen und lasse sie post mortem wieder lebendig werden – eine künstliche Lebendigkeit.

Die Videoarbeit knüpft an eine heute weitgehend vergessene Tradition an: die Post-mortem-Fotografie. In dieser Praxis wurden kürzlich Verstorbene fotografisch festgehalten, entweder allein als Porträt oder gemeinsam mit Angehörigen, arrangiert, als wären sie noch am Leben. Diese Bilder dienten nicht nur dem Erinnern, sondern auch dem Versuch, den Moment des Verschwindens aufzuhalten.

Mitten unter diesen Kindern sitze ich als Bindeglied zwischen gestern und heute und denke laut über die Angst vor dem Verschwinden nach. Indem ich mich selbst in das historische Klassenfoto einschreibe, übertrage ich die Tradition der Post-mortem-Fotografie in eine zeitgenössische, digitale Bildsprache. Die Arbeit macht sichtbar, wie Bilder – damals wie heute – eingesetzt werden, um Vergänglichkeit zu überlisten: Sie konservieren Präsenz, erzeugen eine trügerische Lebendigkeit und verschieben den Moment des Abschieds in ein zeitloses Dazwischen.