In Entität träumt Körper werden die Grenzen zwischen Leben und Simulation erforscht: Ein atmender Hautballon hebt und senkt sich, daneben ein Kinderspielzeug, dessen überlebendig wirkende Augen den Blick erwidern. Menschliche Fragmente, Technik und Spielzeug verschmelzen zu einem hybriden Wesen – vertraut und unheimlich zugleich.
Die Arbeit verhandelt die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, zwischen dem technisch Machbaren und dem ethisch Vertretbaren. Prothesen und Erweiterungen erscheinen nicht als Fortschritt, sondern als irritierende Transformationen, die das Menschliche verfremden. Anstatt Visionen harmonischer Koexistenz zu entwerfen, legt die Installation die Ambivalenz und Unruhe einer möglichen Zukunft offen: Wo beginnt das Synthetische das Menschliche zu überformen? Und wie lässt sich in einer Welt permanenter Erweiterung noch eine Balance zwischen Menschlichkeit und Entfremdung denken?
Die Installation
Der Loop erweitert sich in den physischen Raum: zehn Polaroids, die ein Spielzeug – dem hybriden Wesen verblüffend ähnlich – in den Händen eines Kindes zeigen. Die Fotografien basieren auf dokumentarischem Material und tragen die Spuren realer Vergangenheit in sich.
Aus einer anderen Ecke des Raumes dringt eine Stimme, die über „Posthumanismus“ halluziniert. Eine Skulptur aus Sockeln erhebt sich mit einem kleinen TV-Röhrenfernseher als „Kopf“. Auf dem Bildschirm erscheint der digital rekonstruierte Kopf eines Kindes, konstruiert aus Kinderfotos meines Sohnes. Stimme und Text sind KI-generiert.
Die Arbeit verbindet Erinnerung und technologische Simulation und verdichtet Fragen nach Identität, Reproduktion und der Rolle des Menschen im posthumanen Zeitalter.
Im Zentrum von Kassnel-Hennebergs Arbeit steht die Frage nach einem neuen Humanismus. Dabei geht es um die Rolle des Menschen in der digitalen Welt. Sie untersucht, wie künstliche Intelligenz, Algorithmen und digitale Systeme das Menschliche verändern. Gleichzeitig fragt sie kritisch, inwieweit der Mensch noch autonom handeln kann, wenn technologische Prozesse Entscheidungen beeinflussen oder sogar ersetzen.
Ihre Werke eröffnen einen Diskurs über das Verhältnis von biologischer Existenz und technologischer Erweiterung. Dieses Thema zieht sich durch ihr gesamtes Zeitbasiertes Medienkunst-Portfolio. So zeigt sich, wie stark Technologie die menschliche Wahrnehmung und Identität prägt.
Medienübergreifende Praxis zwischen Analog und Digital
Kassnel-Henneberg versteht ihre künstlerische Praxis als Brücke zwischen analogen und digitalen Welten. Deshalb arbeitet sie medienübergreifend mit:
Video
CGI (Computer Generated Imagery)
Künstlicher Intelligenz
Polaroid-Fotografie
Collage und Mixed Media
Durch diese Kombination entstehen Werke, die zwischen Realität und Simulation, zwischen Dokumentation und Konstruktion angesiedelt sind. Das Publikum wird eingeladen, die eigene, medial geprägte Wahrnehmung kritisch zu hinterfragen. Zugleich schafft der Einsatz analoger Techniken einen spannenden Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Ausbildung und interdisziplinäre Grundlagen
Ihr künstlerischer Werdegang basiert auf einer interdisziplinären Ausbildung. Zunächst studierte sie Restaurierung an der Hochschule der Künste Bern. Dort erlernte sie handwerkliche Fähigkeiten und entwickelte ein tiefes Verständnis für Materialität, Geschichte und kulturelles Erbe. Anschließend absolvierte sie ein Studium der Interaktiven Medien an der Technischen Hochschule Augsburg.
Diese Kombination aus konservatorischem Wissen und digitaler Medienkompetenz bildet die Grundlage ihres Zeitbasierten Medienkunst-Portfolios. Sie ermöglicht ihr, traditionelle und moderne Techniken zu verbinden.
Ausstellungen, Festivals und internationale Anerkennung
Kassnel-Hennebergs Arbeiten wurden national und international präsentiert. Besonders hervorzuheben ist ihre Einzelausstellung „Uncanny Valley“ in der Neuen Galerie im Höhmannhaus der Städtischen Kunstsammlungen Augsburg. Dort thematisierte sie das Unheimliche, das entsteht, wenn künstliche Systeme Menschen zunehmend ähneln.
Darüber hinaus war sie mehrfach beim FILE – Electronic Language International Festival in São Paulo vertreten. Dieses Festival gehört zu den weltweit wichtigsten Plattformen für digitale und zeitbasierte Medienkunst und unterstreicht die internationale Bedeutung ihrer Arbeit.
Auszeichnungen und künstlerische Anerkennung
2013: Kunstpreis der Stadt Krumbach für das Buchobjekt „Heimat ist anderswo“
2022: Kunstpreis des Landkreises Augsburg für das Gesamtwerk
Diese Auszeichnungen würdigen nicht nur ihre kontinuierliche Auseinandersetzung mit Identität, Erinnerung und gesellschaftlichem Wandel. Sie zeigen auch, wie relevant ihr Zeitbasiertes Medienkunst-Portfolio für die zeitgenössische Kunst ist.
Lehre, Jurytätigkeit und Medienkultur
Neben ihrer künstlerischen Arbeit ist Kassnel-Henneberg als Lehrbeauftragte tätig. Sie unterrichtet an der Technischen Hochschule Augsburg und an verschiedenen privaten Kunstakademien. Darüber hinaus engagiert sie sich in Jurygremien und unterstützt junge Positionen in der Medienkunst aktiv.
Ihr pädagogisches und kuratorisches Wirken ergänzt ihre künstlerische Praxis. Es stärkt den Diskurs um zeitbasierte Medienkunst in Deutschland nachhaltig.
Fazit: Zeitbasierte Medienkunst als gesellschaftliche Reflexion
Erika Kassnel-Hennebergs Werk steht exemplarisch für eine zeitgenössische Kunst, die ästhetische Innovation mit gesellschaftlicher Relevanz verbindet. Ihr Zeitbasiertes Medienkunst-Portfolio lädt dazu ein, über Humanismus, Technologie und Identität in einer vernetzten Welt neu nachzudenken. Gleichzeitig zeigt es, wie Kunst Orientierung und Reflexion in einer komplexen, digitalen Realität bieten kann https://eri-kassnel.de/sichtbar-verknuepft-frei/https://gedok-muc.de/
In einem von Betonmauern umschlossenen Raum kreist die Kamera um einen goldenen Apfel. Jenseits der Mauern kein Außenraum, kein Himmel – nur eine konturlose Schwärze. Zwei gesichtslose Avatare erscheinen, die ihre Handlungen auf den Apfel ausrichten, ohne ihn zu erreichen. Seine spiegelnde Oberfläche zeigt eine zweite Umgebung: einen abgeschlossenen, verfallenen Ort mit vergitterten Fenstern.
Die Szene organisiert sich als geschlossener Kreislauf. Annäherung, Gewalt und Wiederholung greifen ineinander, ohne zu einem Abschluss zu kommen. Der Apfel fungiert als Fixpunkt – ein Zentrum, das die Abläufe bündelt und zugleich blockiert.
Am Ende bleibt der Raum leer: umgeben von Beton, überzogen mit Spuren von Handlung, Zählung und Markierung.
Dieses Video zeigt einen korridorartigen Raum ohne Türen oder Fenster. Ein Pendel mit einer Glühbirne schwingt wie ein Uhrwerk zwischen den Wänden des Raumes hin und her und erzeugt einen mechanischen Rhythmus aus Licht und Dunkelheit. In diesem Wechsel werden Wandflächen sichtbar, die mit Erinnerungsfragmenten bedeckt sind: eine Blumentapete, ein Andachtsbild, ein ausgestopfter Hirschkopf und kryptische Formeln, die „Ewigkeit“ und „Erinnern“ als variable Zustände bezeichnen. Zunächst wirken diese Elemente vertraut und biografisch verwurzelt.
Mit der Wiederholung des Pendelschlags verschiebt sich diese Lesbarkeit. Die Szene verliert ihre Intimität und kippt in eine verdichtete, klaustrophobische Struktur. Der Raum erscheint weniger als Ort denn als System aus Wiederholung und Rückkopplung, in dem persönliche und historische Spuren nicht mehr trennbar sind.
Der Raum wird damit zu einem Speicher ohne Hierarchie, in dem Erinnerung nicht archiviert, sondern fortlaufend rekonstruiert wird. Was als biografisches Material erscheint, löst sich in eine abstrakte Logik der Wiederkehr auf.
Die Rauminstallation
Diese Logik setzt sich im Übergang zur physischen Installation fort. Objekte aus dem Video tauchen im realen Raum erneut auf und lösen die Grenze zwischen virtuellem und physischem Raum auf. Ein Andachtsbild des Christuskindes, das Tauben füttert, sowie keramische Tierschädel spiegeln die gezeigten Motive wider. Auf Polaroids an der Wand erscheinen einzelne Objekte erneut, darunter der ausgestopfte Hirschkopf. Durch diese wiederholte Übersetzung zwischen den Medien zirkulieren die Dinge zwischen Realität, Bild und Bedeutung. Dokumentation, Inszenierung und Ideologie werden ununterscheidbar. Der Raum erscheint zugleich real und konstruiert – als Sinnbild einer Gegenwart, in der historische Relikte, politische Narrative und mediale Wiederholungen eine Erfahrung permanenter Wiederkehr erzeugen.
Erweiterung in den physischen Raum: ein gerahmter Kunstdruck, 2 Tierschädelskulpturen aus Keramik, 11 Polaroids.
Rauminstallation, 76. Große Schwäbische Kunstausstellung, Halle 1 – Raum für Kunst im Glaspalast, Augsburg, 2024.
Vernissage am 3. November um 19 Uhr in St. Konrad, Bärenstr. 22, 86156 Augsburg.
Finissage am 3.Dezember 2023.
Der Apfel war und ist in vielen Kulturen von hoher Symbolkraft: Sei es als Sinnbild für ewige Jugend, ewiges Leben, für Liebe, Fruchtbarkeit, Paradies und Sündenfall. In dieser Videoinstallation umkreisen wir einen goldenen Apfel. Wir können im Hintergrund und auf seiner spiegelnden Oberfläche vertraute Orte im Bärenkeller (Stadtteil in Augsburg) erkennen. Wie Fremdkörper schweben darin flächige Porträts von verschiedenen Personen. Wer sind diese Menschen? Die heilige Familie? Unsere Nachbarn? Es hat sie nie gegeben, sondern sind Outputs einer künstlichen Intelligenz. Ist dies das Paradies auf Erden?
Videoinstallation mit Ton, 6:07 min, KI-generiert, CGI, Animation,
mp4-Datei, Format 16:9,
Unikat + 1 AP,
Schenkung an die Kirche St. Konrad in Augsburg-Bärenkeller.
Der Apfel war und ist in vielen Kulturen von hoher Symbolkraft: sei es als Sinnbild für ewige Jugend, ewiges Leben, für Liebe, Fruchtbarkeit, Paradies und Sündenfall.
In dieser Installation schwebt ein goldener Apfel einem Fixstern gleich in der Luft. Auf seiner glänzenden Oberfläche spiegeln sich vertraute Orte (im augsburger Stadtteil Bärenkeller). Wie geht es den Menschen dort und in der Welt? Fremdartig dagegen wirken die flächigen Porträts in dieser Landschaft. Wer sind diese Menschen? Die Heilige Familie? Unsere Nachbarn? Es hat sie nie gegeben, sondern sind Outputs einer künstlichen Intelligenz. Wir leben in einer Zeit voller Umbrüche. Neue Technologien vermitteln uns das Gefühl zunehmend die Kontrolle über Wahrheit und Lüge, über Gut und Böse zu verlieren. Ist dies das Paradies auf Erden?
Der Apfel birgt in seinem Inneren ein Geheimnis, denn dort gibt es einen kleinen Stern, gebildet aus 5 Kernen. Er soll daran erinnern, dass unser Handeln darüber entscheidet, ob wir dem „Paradies auf Erden“ ein Stück näher rücken.
Die Installation
Die ortsspezifische Videoinstallation nimmt hier Bezug zum realen Raum: die Kirche St. Konrad, ihr Stadtteil, ihre Stadt… indem sie diesen als digitales Spiegelbild zeigt, welches wiederum von der glänzenden Oberfläche des goldenen Apfels reflektiert wird. Eine Art visuelle Rekursion, in der Realität und Fiktion, analog und digital miteinander verschmelzen.
Suzanne wird in einen verführerischen virtuellen Traum gelockt, der von blinkenden Knöpfen und einer beruhigenden Assistentenstimme geleitet wird, die ihr Linderung bei Schlaflosigkeit verspricht. Ohne es zu wissen, ist sie Teil eines Verhaltensexperiments, bei dem ihre Handlungen durch algorithmische Kontrolle manipuliert werden.
Der Film verzichtet auf eine traditionelle Erzählung und setzt stattdessen auf eine fragmentierte, immersive Schleife, die die verwirrende Logik digitaler Plattformen widerspiegelt – süchtig machend, zyklisch und auf subtile Weise zwanghaft.
Soziale Netzwerke prägen heute eine globale Wirtschaft, in der Aufmerksamkeit die wertvollste Ressource ist. Hinter dem scheinbar kostenlosen Zugang verbirgt sich ein tieferer Preis: die ständige Überwachung und Verhaltenskonditionierung durch Technologieunternehmen, die Attention Engineering einsetzen – ein System, das überzeugendes Design, Gamification und KI auf psychologischer Grundlage kombiniert.
Rabbit Hole 4.0 erforscht den Verlust der persönlichen Handlungsfähigkeit in einer Welt, in der Algorithmen Bedürfnisse vorhersehen, bevor wir uns ihrer bewusst sind. Es reflektiert über die Illusion von Wahlmöglichkeiten, die Kommerzialisierung von Verhalten und die stille Erosion der Selbstbestimmung in einer Ära des totalen digitalen Rückrufs.
Im Kern stellt der Film eine einfache, aber dringende Frage: Haben wir in einer Welt, die von unsichtbaren Einflüssen geprägt ist, noch die Kontrolle über uns selbst?