Mütter und Söhne

Es gibt eine besondere Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Sohn – so sagt man. In vielen Gesellschaften werden männliche Nachkommen als wertvoller betrachtet als weibliche. Im Jahr 2015 habe ich jeden Tag eine Postkarte aus meiner Sammlung bearbeitet – meist Motive mit Maria und Jesus. Am Ende waren es 365 Kollagen über Mutterschaft und Kindheit.

Dies war ein Jahresprojekt angeregt von Antje Fischer, realisiert gemeinsam mit Antje Fischer und Marlies Achermann-Gisinger. Alle Arbeiten dieses Projektes wurden in der gemeinsamen Ausstellung „Ansichtssache“ in Münsingen der Öffentlichkeit präsentiert.


There is a special relationship between a mother and her son – they say. In many societies, male offspring are considered more valuable than female. In 2015, I processed a postcard from my collection every day – mostly motifs with Mary and Jesus. In the end, there were 365 collages about motherhood and childhood.

This was an annual project suggested by Antje Fischer, realized together with Antje Fischer and Marlies Achermann-Gisinger. All works of this project were presented to the public in the joint exhibition „Ansichtssache“ in Münsingen.

Utopia wohnt nebenan

2015 / 2019, Gemeinschaftsprojekt mit Gerald Fiebig, Sound produziert für ORF Kunstradio, Uraufführung 27.12.2015, 22:30 min

„25 Jahre nach Ende des Kalten Krieges ist vielerorts wieder eine große politische Distanz zwischen Westeuropa (z.B. Österreich) und Osteuropa (z.B. Rumänien) auszumachen. Allein schon an den historischen Wahlverwandtschaften zwischen den Städten Wien und Timişoara lässt sich festmachen, dass dies ein Zerrbild ist. Für das Stück Utopia wohnt nebenan bewegen sich die Autor_innen durch die beiden Städte, inspiriert vom situationistischen Konzept der psychogeographischen Erkundung. Ausgangspunkte des ‚Umherschweifens’ sind jeweils die Stadtteile Innere Stadt und Josefstadt (die es aufgrund der gemeinsamen Geschichte in Wien und Timişoara gibt). Aus den dabei gesammelten Fieldrecordings und Fotografien komponieren sie die Klang-Bild-Landschaft einer utopischen Stadt, in der der Gegensatz von West und Ost außer Kraft gesetzt ist. In die Komposition eingewoben sind O-Töne mit Zeitzeug_innen, die sich an solidarisches Zusammenleben in ihrer Heimat in Wien bzw. Timişoara unter schwierigen sozialen und politischen Bedingungen in unterschiedlichen Phasen des 20. Jahrhunderts erinnern. Die Zitate werden anhand gemeinsamer thematischer Motive in einen dialogartigen Bezug zueinander gesetzt, die den Blick auf den „Überschuss des Möglichen im Wirklichen“ (Ernst Bloch) der realen Geschichte von Österreich und Rumänien eröffnen. Die Sprecher_innen sind Friederike Brenner (geboren 1923 in Mödling bei Wien) und Johann Kassnel (geboren 1932 in Jahrmarkt bei Timişoara).“

Gerald Fiebig

„25 years after the end of the Cold War, the political distance between Western Europe (e.g. Austria) and Eastern Europe (e.g. Romania) seems to be increasing again in many respects. But this distorts the fact that there is a lot of shared history, which already becomes evident when looking at the parallels between the cities of Vienna and Timisoara. For their piece „Utopia lives next door“, the authors move through both cities, inspired by the situationist concept of psychogeographical examination of urban environments by means of „dérive“ the deliberately drifting walk through a city. The starting point of the excursions are the quarters Innere Stadt and Josefstadt – due to the shared history, both Vienna and Timisoara have districts with these names. From the field recordings thus collected, the authors compose the soundscape of a utopian city in which the difference between West and East has been erased. Woven into the composition are voice recordings from interviewees recalling instances of lived solidarity under difficult social and political circumstances in Vienna and Timisoara during different phases of the 20th century. Based on shared thematic motifs, the quotes are arranged into a quasi-dialogic relation to each other that offers a glimpse of the possibilities that were at hand, but were missed in the actual history of Austria and Romania. The speakers are Friederike Brenner (born in 1923 in Mödling near Vienna) and Johann Kassnel (born 1932 in Jahrmarkt near Timisoara).

Gerald Fiebig

Wiegenlied 2.0

Ein Strand und ein stürmisches Meer. Während wir zwei Kinder beim Spielen im Sand beobachten, erzählen fünf junge Flüchtlinge aus Afganistan, Pakistan, Äthiopien und Gambia von ihren Familien und von ihrer Flucht von Gewalt, von ihrer Hoffnung und Träumen. Das Audiomaterial wurde mit freundlicher Genehmigung des Jungen Theaters Augsburgs zur Verfügung gestellt.

Audio-Aufnahmen und Interviews: Susanne Reng (Regie)

Audio-Schnitt: EKH


A strand and a stormy sea. While we are watching two children playing in the sand, five young refugees from Afghanistan, Pakistan, Ethiopia and Gambia tell about their family, about their escape from violence, and about their hope and dreams.

The audio material was made available with the kind permission of the Junge Theater Augsburg.

Muster / Patterns

Die Natur wird durch Unordnung als treibende Kraft bestimmt, die zur Ordnung führt. Die stärkste Form der Ordnung ist ein Muster.

Teil eins

Muster sind regelmäßig wiederkehrende Strukturen, die aus Modulen in vordefinierter Reihenfolge und Wiederholung generiert werden. Als Individuen und soziale Wesen werden wir auf natürliche Weise von Mustern beeinflusst. Der Herzschlag hat einen Rhythmus, der ein Bewegungsmuster ist; sowie der Atem. Der genetische Code ähnelt einem Muster. Der Stoffwechsel wird durch „Muster“ bestimmt: Nährstoffaufnahme, Transport, Transformation und Ausscheidung – sowie der Verlauf der Natur: Frühling, Sommer, Herbst und Winter – Geburt, Wachstum, Fortpflanzung und Tod.

Wir umgeben uns mit Mustern: Tapeten, gemusterten Textilien, Musik, Tanz, Bräuchen, Verhalten. Wir fühlen uns mit Mustern sicher, weil sie vorhersehbar sind.

Teil zwei – die Maschinerie

Muster helfen dem Einzelnen auch, sich harmonisch in die Gesellschaft einzufügen und einen Beitrag zu ihrem Erfolg zu leisten. Diese Tatsache macht uns Maschinen ähnlich. Diese funktionieren einfach, weil Antriebe und Zahnräder bestimmten Mustern folgen und so die Maschinerie in Bewegung halten.

Teil drei – Perpetuum Mobile

Wir sind Teil eines Systems, das aus Individuen besteht, die nach Mustern funktionieren. Wenn ein Teil ausfällt, wird es durch ein anderes Arbeitselement ersetzt – ein Prinzip, das ein System in ständiger Bewegung hält.

„Rhythmus ist schließlich das wiederholte Muster selbst – der Code und die Schleife. Und dazu tanzen wir alle. Wir tanzen zu einer Choreografie, die in der Benutzeroberfläche vorprogrammiert ist. Diese Choreografie hat Macht: Es sind die geplanten Kontrollbewegungen. (…) Aber wir machen wirklich nur die gleichen alten Bewegungen, die alle anderen auf der Tanzfläche aus ihren (scheinbar) frei fließenden Gliedern schieben. Wir tanzen und sind Teil der Choreografie der Kontrolle.“

Renee Carmichael/ fleeimmediately.com

Nature is determined by disorder as the driving force, which results in order. The strongest form of order is a pattern.

Part One

Patterns are regularly recurring structures, which are generated from modules in predefined order and repetition. As individuals and social creatures, we are naturally affected by patterns. The heartbeat has a rhythm, which is a motion pattern; as well as the breath. The genetic code resembles a pattern. Metabolism in general is determined by patterns: nutrient uptake, transport, transform and excrete – as well as the course of nature: spring, summer, fall and winter – birth, growth, reproduction and death.

We surround ourselves with patterns: wall papers, patterned textiles, music, dance, customs, behaviour. We feel save with patterns, because they are predictable.

Part Two – the machinery

Patterns also help individuals to fit into society harmonically and to make a contribution to its success. This fact makes us similar to machines. They just work, because power units and gear wheels follow certain patterns and in so doing keep moving.

Part Three – perpetuum mobile

We are a part of a system, which consists of individuals, who function according to patterns. If one part is failing, it is replaced by another working element – a principle, which keeps a system in permanent movement.

Dancer: Dominik Feistmantl

„After all, rhythm is the repeated pattern itself – the code and the looping. And we all dance to that. We dance to a choreography that is pre-programmed into the interface. This choreography has power: it is the planned moves of control.(…) But really we are just making the same old moves that everyone else on the dance floor is pushing out of their (seemingly) free flowing limbs. We dance, and we are part of the choreography of control.“

Renee Carmichael/ fleeimmediately.com

Postludium

2016, 7:30 min

„Aufgrund seiner nicht-visuellen Natur, seiner „körperlosen Stimme“, präsentiert sich das Radio als das perfekte „hauntologische“ Medium, um das Verschwinden darzustellen, das Verblassen einmal sichtbarer Dinge in einen Zustand, in dem sie halb vorhanden sind, halb in Erinnerung bleiben. Echoes of Industry verpflichtet sich, die sozialen und architektonischen Veränderungen in europäischen Städten in akustischer Form widerzuspiegeln, wenn bestimmte Branchen aufgegeben werden. Ihre früheren Standorte werden zu Museen, Veranstaltungsorten für kulturelle Veranstaltungen oder einfach zu Ruinen, während die Industrie selbst zunehmend digitaler wird.“

Gerald Fiebig über „Echoes of Industry

Das Video Postludium ist ein Nachruf auf das ehemalige Gaswerk in Augsburg / Oberhausen. Es zeigt einen geisterhaften Tanz in den leeren Räumen des Gebäudes, insbesondere eines historischen Gasometers vom Scheibentyp, das 1915 gebaut wurde, und eines anderen neueren Gasometers vom Scheibentyp („Gaskessel“). Diese Arbeit wirft die Frage auf, ob ein Gebäude ein Gedächtnis und damit auch eine Identität hat.

Das Stück „Echoes of Industry“ wurde im „Gaskessel“ aufgenommen.

Tänzerin: Alessandra La Bella


„Due to its non-visual nature, its ‘disembodied voice,’ radio presents itself as the perfect ‘hauntological’ medium for representing the disappearance, the fading of once visible things into a state where they are half present, half remembered. Echoes of Industry undertakes to reflect, in an acoustic form, the social and architectural shifts that happen in European cities as certain industries are abandoned, their former sites becoming museums, venues for cultural events, or simply ruins, while industry itself becomes increasingly digital.“

Gerald Fiebig about „Echoes of Industry

The video Postludium is an obituary for the former gasworks area in Augsburg/ Oberhausen. It shows a ghostlike dance in the empty rooms of the building especially of a historical disc-type gasometer, built in 1915, and another recent disc-type gasometer („Gaskessel“). This work raises the question of whether a building has a memory and thus also an identity.

The piece „Echoes of Industry“ was recorded in the „Gaskessel“.

Dancer: Alessandra La Bella

Credits:
Gerald Fiebig, Christian Z. Müller, Alessandra La Bella, Oliver Frühschütz

Ortsverschiebungen

Eine Ausstellung von Eri Kassnel, Jakob Krattiger und Gerald Fiebig

27.01. bis 28.03.2017, Höhmannhaus Galerie

Entgegen dem landläufigen Sprachgebrauch werden Orte nicht nur durch ihre Lage im Raum bestimmt, sondern auch in der Zeit. Diese Ausstellung präsentiert drei künstlerische Positionen, die von der (fotografischen oder auditiven) Dokumentation realer Orte ihren Ausgang nehmen. Allen Positionen ist gemeinsam, dass sie den räumlich eindeutig definierten Ort in einen Prozess einbinden, der aufzeigt: der Ort hat unterschiedliche Identitäten, je nachdem, in welcher Zeit man ihn wahrnimmt.

Gerald Fiebig

Flee Immediately!

„Flee Immediately! attempts to research a world in-between design, art, technology, culture, offline, online… and it constantly redefines itself along the way.“

Renée Carmichael

2016 nahm ich an einem experimentellen Online-Event teil, initiiert von Renée Carmichael – Künstlerin, Programmiererin und Tänzerin mit Schwerpunkt Tanz & Code. Die Veröffentlichung der Webseite, die von Renée programmiert worden war, fand online statt. Der Besucher wurde selbst Teil des Konzeptes Tanz & Code, da er mit seinen Fingern auf dem Tablett einer vorgegebenen „Choreographie“ folgte. Somit wurde er selbst zum Tänzer. Die Arbeiten auf der Webseite stammten von verschiedenen Künstlern und setzten sich im weitesten Sinn mit Tanz auseinander, so auch meine Arbeit: Eine Vorversion zu dem Video „Patterns“, das damals noch aus drei einzelnen Videos bestand.

www.fleeimmediately.com

Renées Idee passte genau zu meinem Konzept – oder war es genau umgegehrt? Auf jeden Fall muss ich ihren Worten nichts hinzufügen:

After all, rhythm is the repeated pattern itself – the code and the looping. And we all dance to that. We dance to a choreography that is pre-programmed into the interface. This choreography has power: it is the planned moves of control.(…) But really we are just making the same old moves that everyone else on the dance floor is pushing out of their (seemingly) free flowing limbs. We dance, and we are part of the choreography of control.“

Renee Carmichael/ fleeimmediately.com

https://blog.fleeimmediately.com/yes-to-body-thinking-yes-to-dancing-e54500a817bc